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Mormon's oder Joseph's Buch: Welche Rolle spielt eigentlich die Geschichtlichkeit des Buches Mormon?
Michael Tiedemann
Provo, Utah: Maxwell InstituteThe views expressed in this article are the views of the author and do not necessarily represent the position of the Maxwell Institute, Brigham Young University, or The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints.
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Mormon's oder Joseph's Buch: Welche Rolle spielt eigentlich die Geschichtlichkeit des Buches Mormon?

Von Michael Tiedemann

In den letzten Jahren hat sich eine Kontroverse verschärft, die schon seit den ersten Anfängen der wiederhergestellten Kirche brodelt: was hat es eigentlich mit dem Buch Mormon auf sich? Während jedoch früher klare Positionen erkennbar waren, auf der einen Seite anti-Mormonen, die das Buch Mormon als das Werk Joseph Smith´s ansahen, auf der anderen die Mitglieder der Kirche, die es für das Werk Mormons und anderer antiker Autoren hielten, sieht die Lage heute etwas verwirrender aus.

Zwar wird sich heute wohl noch immer kein Nichtmitglied finden, der das Buch Mormon als historisches Werk annimmt. Auf Seiten der Mitgliedschaft der Kirche haben sich allerdings einige Stimmen zu Wort gemeldet, die die Geschichtlichkeit des Buches Mormon bestreiten und dennoch an ihm als heilige Schrift festhalten wollen . Und auch auf Seiten der Nichtmitglieder gibt es heute manch erstaunliche Meinung (s.u.). In diesem kurzen Essay möchte ich zwei Fragen anschneiden, die mir in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung scheinen. Auch denke ich, daß jedes Mitglied der Kirche, welches nicht einfach unreflektiert das Althergebrachte und schon-immer-geglaubte übernehmen will, diesen Fragen angesichts der Entwicklung der letzten Jahre nicht ausweichen sollte. Zuerst möchte ich mich damit beschäftigen, welche Bedeutung es überhaupt hat, an der Geschichtlichkeit des Buches Mormon festzuhalten oder sie aufzugeben. Anschließend werde ich mich noch der Frage zuwenden, welche Argumente dafür sprechen, daß Buch Mormon als historischen Text zu betrachten.

1.1. Bedeutung der Historizität des Buches Mormon.

Für viele von Ihnen, die diese Zeilen lesen, wird sich nun vielleicht die Frage stellen, wieso es mir überhaupt nötig erscheint, diesem Thema soviel Raum zu geben. Eigentlich könnte man doch denken, daß die Frage, ob die Geschichtlichkeit des Buches Mormon für Mitglieder der Kirche von Bedeutung ist oder nicht, selbstverständlich zu bejahen ist. Das die Frage an sich von zentraler Bedeutung ist, ist tatsächlich unbestreitbar. Ich möchte also hier vielmehr auf die Gründe eingehen, warum uns als Mormonen nicht egal sein kann, ob es Mormon oder Nephi gegeben hat oder nicht.

Der Anlaß zu einer grundlegenden Auseinandersetzung mit diesem Thema, welches mich schon seit längerem beschäfftigt, bietet der Artikel von Dittberner in dieser Ausgabe. Durch ihn wurde ich dazu angeregt, jetzt doch etwas ausführlicher auf dieses "Problem" einzugehen (welches sich als ein solches natürlich nur für denjenigen darstellt, dem das Buch Mormon manche Rätsel aufgibt), als ich das bisher getan habe.

Warum ist es wichtig für ein Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, das Buch Mormon als historischen Text anzusehen? Hierfür spricht, daß die Geschichtlichkeit des Buches Mormon eine der Grundlagen des Mormonismus ist. Schon Joseph Smith hat den allgemein bekannten Satz getan, daß das Buch Mormon der Schlußstein unserer Religion sei. Die Aussage deutet an, welch zentrale Rolle in der Wiederherstellung des Evangeliums das Buch Mormon spielt. Zum einen baut die Identität der Millionen Mitglieder in aller Welt seit der Wiederherstellung der Kirche im Jahre 1830 auf ihm auf. Schließt sich jemand der Kirche an, so tut er dies in der Regel deshalb, weil er Joseph Smith als Propheten anerkennt und das Buch Mormon als Wort Gottes und als historischen Bericht ansieht. Ich kann mir persönlich kaum vorstellen, daß jemand, der die Kirche kennenlernt, Joseph Smith als Propheten akzeptieren würde, wenn man ihr erklärt, daß die Geschichte des Buches Mormon von ihm erfunden wurde.

Desweiteren ist die Wahrheit des Buches Mormon nicht zu trennen von der Frage, ob es wirklich eine Wiederherstellung des Evangeliums gegeben hat, ob Joseph Smith wirklich ein Prophet war oder auch z.B. die Übertragung von Vollmacht auf ihn nur eine "inspirierte" Geschichte war. Welche Folgen es haben kann, wenn nicht mehr daran festgehalten würde, daß das Buch Mormon ein historischer Text ist, kann man an einem praktischen Fallbeispiel deutlich erkennen: der Reorganisierten Kirche. Sie hat es im Laufe der letzten 25 bis 30 Jahre aufgegeben, die Geschichtlichkeit des Buches Mormon zu lehren. Gleichzeitig hat sie immer mehr an Bedeutung verloren . Es fehlt einfach ein fundamentales Stück des Mormonismus, wenn man an die Existenz von Mormon und Moroni nicht mehr glaubt. Das Gebäude verliert ohne den Schlußstein seinen halt.

Neuerdings wird von einigen das Buch Mormon als "inspirierte Fiktion des neunzehnten Jahrhunderts " angesehen, wie es Hutchinson in seiner Ansprache aus dem Jahre 1987 erstmals formuliert hat. Ihr Argument läßt sich etwa folgendermaßen wiedergeben: Während man zwar das Buch Mormon als heilige Schrift und auch als das korrekteste Buch auf Erden akzeptieren kann (was seine Kraft angeht, Menschen zur Umkehr zu bewegen), so bedarf es dazu nicht eines Glaubens an seinen antiken Ursprung. Vielmehr könne man das Buch Mormon viel besser als Text des neunzehnten Jahrhunderts verstehen und auch interpretieren. Hutchinson geht sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, es könne Götzendienst darstellen, wenn man das Buch Mormon als historischen Text akzeptiert . Auch Dittberner scheint der Meinung zu sein, daß es für die Wirkung des Buches Mormon in unserem Leben auf dessen Geschichtlichkeit nicht ankäme.

Dies klingt eigentlich ganz sinnig, vor allem, da wir ja auch andere Texte in den Schriften haben, die für uns als Wort Gottes von Bedeutung sind, ohne das dies von ihrer Historizität abhinge, so zB die Gleichnisse Jesu oder das Buch Hiob. Dennoch besteht hier ein qualitativer Unterschied, der nicht übersehen werden darf. Während die Grundlage des mormonischen Glaubens auf der prophetischen Berufung Joseph Smiths beruht und einer der hervorragenden Zeichen dieser Berufung gerade dessen Übersetzung des Buches Mormon war ist für die Wirkung obiger Schriften deren historizität von nebensächlicher Bedeutung. Aus einer Ablehnung der Geschichtlichkeit des Buches Mormon hingegen folgen auch Zweifel an Joseph Smiths Berichten hinsichtlich der Ersten Vision und der weiteren Offenbarungen, die ihm gegeben wurden.

Worauf stützt derjenige, der an die Geschichtlichkeit des Buches Mormon glaubt, seine Auffassung? Üblicherweise in erster Linie auf eine als Zeugnis bezeichnete Eingebung des Heiligen Geistes. Fragt man nun hingegen, worauf sich diejenigen stützen, die dem Buch Mormon als historischem Text ablehnend gegenüberstehen, so wird sich regelmäßig auf historisch-kritische Exegese oder die angebliche Anwendung anderer moderner Formen der Auslegung berufen. Argument ist dann häufig, es könne vielleicht über den moralischen und religiösen Wert eines Texts durch eine geistige Eingebung etwas in Erfahrung gebracht werden, über dessen Echtheit im historischen Sinne jedoch bedürfe es grundsätzlich rationaler Analyse des Texts. Zudem müsse der Text allein im Lichte der Erkenntnis moderner Historiker und Philologen gelesen werden.

Stimmt das so?

Als Ausgangspunkt für sein Verständnis des Buches Mormon hat Sterling McMurrin (einem mormonischen Philosophen an der University of Utah, der am 6. April 1996 verstorben ist) den Satz geprägt: "man kriegt Bücher nicht von Engeln und Übersetzt sie durch Wunder, so einfach ist das". Er sprach aus, was jeder im Geist der Aufklärung erzogene im ersten Moment denken muß, wenn er das Buch Mormon in der Hand hält, nämlich das es soetwas doch gar nicht geben kann. Gerade hier liegt aber der kritische Punkt: Das Joseph ein Buch von einem Engel bekommen hat und es mit der Macht Gottes übersetzt hat, ganz unabhängig davon, wie das technisch vor sich ging , das ist es, wo ein Zeugnis ins Spiel kommt. Durch den gemeinsamen Glauben daran, daß Gott auch in der Neuzeit ein lebendiger Gott ist und Wunder wirkt, haben sich die Mormonen gegen den Trend der Moderne gestellt, nur dem Verstand in seiner säkularen Ausformung zu folgen (denn daß das Mormonentum dem Verstand und dem Intellekt einen hohen Rang einräumt kann kaum bezweifelt werden, wir werden schließlich nicht schneller errettet, als wir Wissen erwerben). Und in dieser Gemeinschaft haben wir Mormonen uns seit 1830 um das Buch Mormon gesammelt . Welch eine Kapitulation vor dem Säkularismus und der Ablehnung des Wirkens Gottes in der heutigen Zeit, wenn nun gerade wir Mormonen uns das Buch Mormon als historischen Text wegreden lassen würden, der uns doch gerade als ein neues Bundesvolk des Herrn eint .

Der bisher behandelte Aspekt des göttlichen Ursprungs des Buches Mormon ist von einem anderen streng zu trennen: dem menschlichen Ursprung der im Buch Mormon verzeichneten Geschichte. Man kann davon ausgehen, daß niemand behaupten würde, von jedem im Buch Mormon berichteten historischen Ablauf ein Zeugnis zu haben, also z.B. über den Verlauf bestimmter Kriege. Ein solches Zeugnis würde auch kaum einer rationalen Überprüfung standhalten, da sich im Buch Mormon wie in jedem historischen Text ganz einfach auch manche Fehler eingeschlichen haben . Zudem hat es im Text des Buches Mormon seit seiner ersten Veröffentlichung auch zahlreiche Änderungen gegeben (vgl. nur 2.Ne. 30:6 in der früheren Ausgabe, „weiß", mit der heutigen, „rein und angenehm"). Es ist also streng zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Ursprung des Buches Mormon zu unterscheiden. Bejaht man jedoch ersteres, so muß man bei letzterem von den im Buch Mormon zu Wort kommenden wirklichen Menschen ausgehen.

Es ist mir zudem unklar, wie das Buch Mormon seine Aufgabe erfüllen kann, als zweiter Zeuge für Christus zu dienen, wenn man es (wie schon die biblischen Berichte der Wunder Jesu, seiner Auferstehung oder Himmelfahrt) bloß als literarischen Text sieht, nicht auch als historischen Bericht. Das Problem hier wird sehr prägnant von Prof DDr. Peter Eicher formulierte, wenn er folgende Dichotomie in einem Gespräch mit Eugen Drewermann und dem Paderborner Erzbischof J. Degenhardt auftut: "man müsse unterscheiden zwischen "historisch" im methodischen Sinne der Geschichtswissenschaft und zwischen "geschichtlich" als Erschließung von Gottes Handeln in der Geschichte durch das Glaubenssymbolon" . Dem ist grundsätzlich zuzustimmen, wie wir ja oben schon festgestellt haben: Es ist eine Frage des Glaubens, ob Moroni 1823 und in den nächsten Jahren in New York dem Bauernjungen Joseph erschienen ist. Ist dieser Schritt des Glaubens erst getan, so findet das Buch Mormon einen besonderen Platz in den Herzen derer, die es dann als den echten Bericht eines Volkes in seinen Begegnungen mit Gott akzeptieren. Dennoch enthält dieser Satz von Prof. Eicher wieder auch eine Spaltung von Geschichte und Glaube, dem so gerade das Buch Mormon lauthals widerspricht: der Glaube an den Engel von Palmyra läßt nicht zu, an den historischen Nephiten und desweiteren auch nicht an der tätsächlichen, körperlichen Auferstehung Jesu Christi zu zweifeln!

Die Frage, ob das Buch Mormon ein historischer Text ist, bleibt für mich, allen anderslautenden Behauptungen von beiden Seiten der Diskussion zum Trotz, eine Frage des Glaubens, auch wenn die gefundene Antwort durch historische Forschung untermauert oder erschüttert werden mag. Gerade für den Gläubigen ist es notwendig, sich genau mit den Umständen des Buches Mormon zu beschäftigen, sowohl was die Antike wie auch was die Umstände seines Hervorkommens in der Moderne angeht. Aufgrund seiner den modernen Erkenntnistheorien widersprechenden Erfahrung mit dem Zeugnis durch den Heiligen Geist wird eine Verständigung mit denen, die ein solches nicht erlebt haben, dem Gläubigen sehr schwer fallen, wenn es ihm überhaupt möglich ist.

1.2. Exkurs.

Es ist interessant festzustellen, daß selbst unter denen, die keine Mitglieder der wiederhergestellten Kirche sind, die Meinungen über das Buch Mormon sehr stark auseinandergehen. Was soll man davon halten, wenn der Altertumswissenschaftler Wolfgang Speyer im Rahmen seiner Untersuchung antiker Buchfunde auch auf das Buch Mormon eingeht? Dieser Historiker hält es nicht für ausreichend, das Buch Mormon als "historische Fälschung" abzutun . Vielmehr sieht er es als "echte religiöse Pseudepigraphie" , einen Begriff den er selbst geprägt hat und der solche Schriften bezeichnen soll, die "vornehmlich im Orient und bei den Juden verbreitet [waren], aber auch in Rom oder Griechenland nicht fehlte[n], [. . .] dem mythisch-religiösen Erleben [entstammt] und [. . .] selbst der Bildung von Mythen [entspricht]." . Insoweit sieht Speyer das Buch Mormon auf einer Ebene mit anderer antiker "echter religiöser Pseudepigraphie". Diese ist für ihn dannach festzustellen, ob der „Schriftsteller glaubte, bei der Abfassung seines literarischen Werks nur als Werkzeug seines Gottes gehandelt zu haben oder ob er aus außerliterarischen Absichten täuschen wollte" . Man muß sich zum Verständnis klarmachen, daß hier aus einer völlig anderen Perspektive geschrieben wird als der, die einem an die Geschichtlichkeit des Buches Mormon glaubenden zueigen ist. Für Speyer dürften sämtliche Auferstehungsberichte ebenso "echt" sein wie das Buch Mormon. In religiöser Hinsicht wird solcher "Mythos" für legitim und "echt" angesehen, auch wenn er mit der Realität, wie wir sie täglich erleben und wissenschaftlich erforschen können, in keinem Zusammenhang steht. Diese Einstellung, die auf der oben erwähnten säkularen Weltsicht beruht, wird auch in folgendem Zitat Eugen Drewermanns deutlich: die Unfähigkeit zum symbolischen Denken nötige immer wieder dazu, "die Wirklichkeit des Religiösen dort zu suchen, wo sie nicht sein kann: im Äußeren von Raum und Zeit, statt im Inneren von Gefühl und Erleben im menschlichen Herzen" . Es muß zum Abschluß dieses Abschnitts ausreichen, eindringlich darauf hinzuweisen, daß ein solcher Kontrast zwischen der räumlich[zeitlichen und der religiösen/geistigen Wirklichkeit in der Theologie des wiederhergestellten Evangeliums nicht existiert und auch nicht existieren kann: "Für mich ist alles geistig, und niemals habe ich euch ein Gesetz gegeben, das zeitlich ist [. . .]" (LuB 29:34); "So etwas wie unstoffliche Materie gibt es nicht. Aller Geist ist Materie, aber er ist feiner und reiner und kann nur von reineren Augen gesehen werden" (LuB 131:7); "Der Vater hat einen Körper aus Fleich und Gebein, so fühlbar wie der eines Menschen [. . .]" (LuB 130:22) .

2. Einige Hinweise auf die Historizität des Buches Mormon.

In diesem zweiten Abschnitt möchte ich noch die sehr spannende Frage angehen, wieso eigentlich ein recht gebildeter Mitteleuropäer des ausgehenden 20. Jahrhunderts die im Buch Mormon berichtete Geschichte als historisch annehmen kann. Unabhängig vom göttlichen Ursprung des Buches Mormon möchte ich hier allein auf der Grundlage des Textes untersuchen, ob es sich mit der Vernunft vereinbaren läßt, das Buch Mormon als historisch anzusehen. Und dies unabhängig von dem geistigen Zeugnis, das natürlich die Grundlage für nachfolgende Überlegungen bildet.

In den folgenden Absätzen möchte ich drei Argumente für ein historisches Buch Mormon vorbringen. Sie gehen das Problem aus drei verschiedenen Blickwinkeln an.

2.1. Das geographische Argument.

Wiebitte?!? mögen einige von Ihnen vielleicht ungläubig fragen. Haben wir nicht schon in der Sonntagsschule Fragen nach der Geographie des Buches Mormon immer peinlichst gemieden und dann unsere Ängste in dem Artikel von Jörg Dittberner bestätigt gefunden, der die verwirrende Vielfalt der Ansichten aufgezeigt hat? Wie kann daraus denn ein Argument für das Buch Mormon werden!

Nun, ich gebe uneingeschränkt zu, daß es zur Lokalisierung des Buches Mormon tatsächlich viele—teils sehr divergierende—Meinungen gibt. Ich selbst stehe der sorensonischen Nahe . Mir geht es jedoch um einen völlig anderen Aspekt. Nicht die Zuordnung des Buches Mormon zur Außenwelt, sondern dessen innterne geographische Stimmigkeit soll hier angesprochen werden .

Wenn man das Buch Mormon von vorne bis hinten liest, dann wird man Orten begegnen wie z.B. dem Land Nephi, Zarahemla, Mormon, Manti und vielen anderen. Kaum jemand wird nach einer Lekture jedoch eine Zuordnung der einzelnen Orte zueinander zustandebringen, auch nach einer wiederholten und vertieften Lektüre nicht. So wird es auch kaum je jemandem aufgefallen sein, daß die Ortsbeschreibungen im Buch Mormon zueinander in konkreten geographischen Beziehungen stehen. Was meine ich damit? Ich möchte dies an zwei Beispielen verdeutlichen. Dabei werde ich auf den englischen Originaltext des Buches Mormon abstellen.

a) Beziehung zwischen dem Land Nephi (LN) und dem Land Zarahemla (LZ).

Das LN wird im Buch Mormon zuerst erwähnt in 2.Ne.5:5–8, als Nephi mit einer Gruppe aus dem Gebiet der ersten Siedlung in die Wildnis flieht. Das LZ wird erstmals im Buch Omni genannt. Dort wird beschrieben, wie Mosia aus dem LN in das LZ hinabkam (Omni 13). Im folgenden spielne sich vielen Ereignisse an beiden Schauplätzen ab. Ich möchte noch drei weitere Stellen nennen, an denen die Beziehung der beiden zueinander beschrieben wird: Mos 9:3, Zeniff ging mit seiner Gruppe aus dem LZ hinauf in das LN; Alma 17:7–9, die Söhne Mosias gingen aus dem LZ in das LN hinauf; Hel 1:15,17, die Heere der Lamaniten kommen aus dem LN (in dem die Lamaniten lebten, siehe z.B. Alma 2:24;22:34) in des LZ hinab. Weitere diesbezügliche Beschreibungen finden sich z.B. in Mos. 28: 1,5,9; Al. 47:1; 51:11; 53:10,12; Hel 4:4,5.

b) Das Land Manti.

Während die soeben genannte Beziehung zwischen dem LZ und dem LN eine recht eindeutige ist, die sich durch das ganze Buch Mormon verfolgen läßt, gibt es auch andere ebenso konsequente geographische Beziehungen, die sich allerdings nicht so einfach wiedergeben lassen. Das Buch Alma bietet in seinen Kriegsberichten viele geographische Daten, die sich miteinander im Einklang befinden. Ich möchte als zweites Beispiel das Land Manti (LM) herausgreifen.

Erstmals erwähnt wird das LM im Buch Mormon in Zusammanhang mit einem geplannten Angriff der Lamaniten in Alma 16:6,7. Dort wird es beschrieben als vom LZ aus in Richtung des LN gelegen. Das LM scheint im Sidontal gelegen zu haben, da man "hinab in das LM" zog (Al. 17:1; 43:25,32). Das LM wird in seiner geographischen Lage im Buch Mormon konsequent beschrieben.

Es ist schwierig in dem kurzen hier zur Verfügung stehenden Raum die engen Zusammenhänge und Präzision wiederzugeben, die in geographischer Hinsicht den Büchern Mosia, Alma, Helaman und 3. Nephi zu entnehmen sind. Es sei hier noch einmal auf das bemerkenswerte Werk von Sorenson hingewiesen.

2.2. Das "verschiedene Autoren" Argument.

Würde man anhand des Textes des Buches Mormon feststellen können, daß es von verschiedenen Autoren geschrieben worden sein muß, so wäre dies ein weiterer Gesichtspunkt, der für die Historizität des Buches Mormon sprechen könnte. In den letzten Jahrzehnten gab es verschiedentliche Versuche, unter Zuhilfenahme von modernen Computerprogrammen anhand von sogenannten "Wordprints", die man als eine Art stilistische Handschrift eines Schreibers bezeichnen könnte, zu beweisen, daß das Buch Mormon mit großer mathematischer Wahrscheinlichkeit von verschiedenen Autoren stammen müsse . Diese Studien bieten eine auf statistischen Untersuchungen basierende Einschätzung, daß das Buch Mormon jedenfalls nicht von einem Autor geschrieben worden sein kann, eher schon von 5 oder mehr. Die Methodik, die zu diesen Ergebnissen geführt hat ist verschiedentlich kritisiert worden . Auch mir fällt es nicht leicht, aufgrund dieser Studien das Buch Mormon als bewiesen zu betrachten. Mir selbst bleiben hinsichtlich der Methoden noch einige Zweifel.

Im vergangenen Winter ist jedoch ein Buch erschienen, auf dessen Inhalt ich noch kurz eingehen möchte . In ihm geht der Keller der Frage nach, ob es nicht möglich ist, daß die einzelnen Autoren des Buches Mormon in ihrer Wortwahl unterschieden werden könen. Er untersuchte dabei zuerst eine Gruppe von Themen, die im Buch Mormon vorkommen (z.B. der antike Nahe Osten, Sklaverei, Arme/Armut oder die Schöpfung). Es ist zu erkennen, daß verschiedene Personen im Buch Mormon auch ihre Schwerpunkte unterschiedlich gelegt haben. So betont Alma der Ältere vor allem die Eschatologie, spricht also über die Ewigkeit, Unsterblichkeit, Verdamnis und ähnliches . Mormon hingegen spricht in seinen Predigten am ehesten über Christologie sowie die Sammlung . Im weiteren Verlauf beschäfftigt sich das Buch dann mit einzelnen Themen und sogar einzelnen Wörtern, und wie die Personen des Buches Mormon sie in ihren Predigten und historischen Texten verwenden. Ich möchte auch hier ein Beispiel zur Demonstration herausgreifen.

Als Beispiel möchte ich hier das Wort Erde nehmen. Keller hat sein viertes Kapitel diesem Wort gewidmet. . Die meisten Personen im Buch Mormon verwenden den Begriff Erde in dreierlei Zusammenhang: 1. Gottes Taten bezüglich der Erde, daß er sie geschaffen hat und über sie herrscht. Diese Verwendung finden wir bei Lehi (z.B. 2.Ne.1:10; 2.Ne.2:13) bei König Benjamin (Mosia 4:9; 5:15) sowie bei Jakob, Nephi oder Moroni dem Zweiten (z.B. Jak. 2:5; 4:8–9; 1.Ne.17:36,39; 2.Ne.25:12; Morm.9:11.17). Auch Jesus setzte hierauf sein haupt Augenmerk, 3.Ne.11:14; 12:35; 20:19. 2. Die Erde als Globus, dem Planeten Erde. Dies ist die bevorzugte Anwendung für das Wort Erde. Ohne Mormon mitzuzählen fallen 91,3 Prozent aller Fälle, in denen "Erde" im Buch Mormon benutzt wird, in diese Kategorie. 3. wird "Erde" noch mehrmals im Zusammenhang mit den Bewohnern der Erde gebraucht.

Von besonderem Interesse ist hier, daß Mormon das Wort "Erde" in einer völlig anderen Weise gebraucht als die anderen Autoren im Buch Mormon. Er verwendet den Begriff in 71,4 Prozent der Fälle mit der Bedeutung "Boden" im Sinne von Erde als dem Stoff auf dem wir uns bewegen. An zweiter Stelle steht bei der Verwendung des Wortes "Erde" mit dieser Bedeutung Moroni, der Sohn Mormons (44,4 Prozent). Alle anderen Personen im Buch Mormon zusammengenommen verwenden den Begriff nur in 22,1 Prozent der Fälle mit dieser Bedeutung.

Die Frage, die man sich hier durchaus stellen darf, ist, wie es Joseph Smith geschafft haben kann, die unterschiedlichen Personen bein diktieren des Buches Mormon in ihrem Stil und ihrer Wortwahl auseinanderzuhalten.

2.3. Das Buch Mormon und der antike Nahe Osten.

Während dem oben unter 2.2. genannte Argument der "verschiedenen Autoren" doch mit einer gewissen Skepsis begegnet werden mag, so ist das folgende möglicherweise geeignet, erstaunen zu wecken und nachdenklich zu stimmen.

Das Buch Mormon begegnet uns als die Geschichte von Menschen, die ihre Heimat im Nahen Osten, Jerusalem und das noch existierende Südreich Juda, verließen, um in einer fernen Gegend einen Neuanfang zu machen. Das Buch Mormon müsste von diesem Hintergrund geprägt worden sein, wenn es ist, was es zu sein behauptet. Für diesen antiken nahöstlichen Ursprung des Buches Mormon sprechen die verschiedensten Indizien. Ich möchte nur drei kurz erwähnen:

a) Chiasmen im Buch Mormon . Schon seit etwa zwei Jahrzehnten ist bekannt, das im Buch Mormon die antike Textstruktur des Chiasmus zu finden ist, einer Wiederholung von Elementen über kreuz: a-b-c=c-b-a. Solche Strukturen sind eines der prägenden Merkmale der hebräischen Poesie. Sie wurden erstmals etwa im Jahre 1840 erkannt und finden sich in sehr ausgeprägter Form im Text des Buches Mormon, so z.B. besonders in Alma 36 sowie an anderen Stellen (So z.B. Helaman 6:7–13).

b) Die Route der Lehiten von Jerusalem nach Überfluß. Während wir bei der Ansiedlung der Ereignisse der Buch Mormon Geschichte in der Neuen Welt zur Spekulation verdammt sind ist dies im antiken Nahen Osten nicht so. Hier haben wir eine genaue Beschreibung der Route der Lehiten in den Büchern 1. und 2. Nephi. Erstaunlich ist, daß anhand dieser Berichte einige Orte identifiziert werden können, die im Buch Mormon erwähnt werden. So Nahom (1.Ne.16:34), einen Ort den es an der Stelle, die man nach dem Buch Mormon erwarten würde, tatsächlich gegeben zu haben scheint . Zudem weiß man heute, daß es auch einige Orte am Arabischen Meer gibt, für die die Beschreibung des Landes Überfluß in 1.Ne. 17 passt .

c) Jakob 5: das Gleichnis vom Ölbaum. Zum Abschluß möchte ich noch das Gleichnis vom Ölbaum erwähnen, wie es von Jakob im fünften Kapitel seines Buches wiedergegeben wird. Er zitiert dabei einen Propheten namens Zenos, der uns aus der jüdischen Geschichte weiter nicht bekannt ist. Vermutet wird, es könnte sich um einen Propheten aus dem schon etwa 720 v. Chr. zerschlagenen Nordreich Israel handeln. Inwieweit kann nun von dem Gleichnis auf einen antiken Hintergrund des Buches Mormon geschlossen werden?

Am 17. März 1992 fand eine von FARMS organisierte Konferenz statt, bei der Jakob 5 im Mittelpunkt stand. Der aus dieser Konferenz hervorgegangene Band hat einen Umfang von knapp 550 Seiten . Es wird in einigen der in dieser Sammlung enthaltenen Artikel festgestellt, daß die Beschreibung des Olivenbaums und seiner Zucht und Pflege in Jakob 5 fast in allen Punkten genau dem im antiken und auch heutigem Nahen Osten Praktizierten entspricht. Dies wird nicht von irgendwelchen Laien festgestellt, sondern von promovierten Botanikern . Interesant ist gerade auch, daß an den Stellen, an denen das Gleichnis von der Wirklichkeit abweicht, Zenos diese Abweichung zur Betonung oder Verdeutlichung eines bestimmten Prinzips gebraucht . Hier liegen also keine schlichten Fehler vor.

3. Zusammmenfassung.

Diese Genauigkeit könnte man natürlich auch Joseph Smith als Autor zuschreiben. In den letzten Jahren habe ich mich auch mit den Argumenten derer intensiv beschäfftigt, die das Buch Mormon als Text des 19. Jahrhunderts ansehen. Viele dieser Argumente sind stichhaltig. Sie können aber überwiegend auch auf den Einfluß Joseph Smiths als Übersetzter zurückgeführt werden. Die Antiken Elemente des Buches Mormon hingegen sind nicht so einfach zu erklären. Mein Argument hier basiert auf einem argumentum e contrario: Wenn Joseph Smith und keiner zu seiner Zeit das Buch Mormon hätte schreiben können, dann muß man dafür eine andere Erklärung finden. Und die naheliegenste dürfte dann die sein, daß das Buch Mormon tatsächlich ein historischer Text ist.

Für mich scheint die Schlußfolgerung unausweichlich: Joseph Smith kann das Buch Mormon so nicht geschrieben haben. Die vernünftigste Erklärung für die Existenz des Buches Mormon ist die, daß es historisch ist. Und gerade dies glauben wir Mitglieder der Kirche Jesu Christi ja nun auch schon seit ihrer Wiederherstellung.

Michael Tiedemann.

Redakteur für Buchbesprechungen.

Um mich kurz vorzustellen: Ich bin seit 1992 Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Vorher habe ich die Kirche seit meinen dreizehnten Lebensjahr gekannt und untersucht. Ein halbes Jahr war ich auch anti-mormonisch tätig, habe mit Pf. Rüdiger Hauth zusammengearbeitet, mich dann aber auf das Zeugnis besonnen, welches mir schon vorher von der Wahrheit des wiederhergestellten Evangeliums geschenkt worden war.

Getauft wurde ich 1992 in die Koblenzer Gemeinde der Kirche. Dort habe ich meine ersten Schritte in der Kirche Jesu Christi getan und von dort ging ich 1993 auf Mission in die USA. Ich diente für sechs Monate in der Utah Provo Mission. Nach meiner Rückkehr began ich mein Studium an der Ludwig Maximilians Universität in München. Inzwischen bin ich im sechsten Semester meines Jura Studiums. Nebenher habe ich an Betrachtuneg mal mehr, manchmal auch weniger mitgearbeitet und meinem Hobby, der Geschichte und dem heutigen Zustand der Kirche, gefrönt.

Mich hat seit meinem ersten Kontakt mit der Kirche fasziniert, daß hier im Evangelium Jesu Christi der Geist und unsere Gefühle als auch unser Verstand gemeinsam wichtig sind. Ich habe das wiederhergestellte Evangelium immer als sehr befreiend empfunden. Befriung durch Liebe und Verständnis. Angezogen hat mich insbesondere auch, daß die Kirche nichts zu verheimlichen braucht. Das glaube ich gilt heute ganz besonders. Der Mormonismus braucht sich nicht zu verstecken—auch nicht hinter dem Rücken der christlichen Kirchen!

Wolfgang Speyer kommt in einem seiner Bücher (siehe meinen Artikel zum Buch Mormon in dieser Ausgabe, Bücherfunde, S. 110, Anm. 65) zu folgender Einschätzung: "J.Smith war ein Religionsstifter und Prophet" Diesem Urteil kann ich uneingeschränkt beipflichten. Ich weiß, daß Gott lebt, daß Jesus sein Sohn und der Christus, unser Erlöser, ist. Meine derzeitige Berufung in der Kirche gibt mir die Gelegenheit in besonderer Weise am Aufbau des Reiches Gottes mitzuwirken. Für mich ist die Mitarbeit an Betrachtungen und die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen eine weitere Facette dieser Arbeit. ?

(Aus: BETRACHTUNGEN: Mormonische Kultur und Geisteswelt. Juni 1997.)

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